KK 1122 vom 20. November 2000 Seite 6

Zwischen Ost und West, Heimat und Welt, Himmel und Erde
Hans von Keler, Alt-Landesbischof von Baden-Württemberg aus den Beskiden
„Heimat ist, wo ich mich nicht erklären muß“: Alt-Landesbischof Hans von Keler Bild: die Autorin
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Es geschah im Abstand von wenigen Monaten: Als die Synode der Württembergischen Evangelischen Landeskirche Hans von Keler am 30. Juni 1979 zu ihrem neuen Bischof wählte, hatte ein Dreivierteljahr zuvor, am 16. Oktober 1978, das Konklave im Vatikan Karol Woityla zum neuen Papst der Römisch-katholischen Kirche erhoben. Was diese kirchlichen Ereignisse verbindet? Die Geburtsstätten der beiden Gottesmänner liegen dicht beieinander in einem Winkel Ostmitteleuropas, in den Beskiden, den Ausläufern des Karpatenbogens im Grenzbereich Polen-Slowakei, wo seit jeher die unterschiedlichsten Völker in wechselnden Mehr- oder Minderheiten miteinander leben. Als sich der polnisch-katholische und der deutsch-evangelische Oberhirte 1986 in Rom persönlich begegneten, war Papst Johannes Paul II. höchst überrascht, daß ihm ein Landsmann aus Bielitz-Biala gegenüberstand, der zudem manche Ferienwoche in seinem Heimatort Wadowice verbracht hatte.

Am 12. November 2000 ist der Alt-Landesbischof D. Hans von Keler 75 Jahre alt geworden. Sein Lebensweg ist ein Spiegelbild des 20. Jahrhunderts mit all seinen Wirren und Nöten. Auf Kindheit und Jugend in den Beskiden folgten der Kriegsdienst, die Vertreibung und ein Neuanfang in Tübingen, wo er Theologie studierte und 1950 ordiniert wurde.

Der junge Pfarrer widmete sich nacheinander verschiedenen Stadt- und Landgemeinden, aber auch mancher überregionalen Tätigkeit in kirchlichem Amt. Seine Erfahrungen in vielfältigen Einrichtungen der Kirche – Jugend, Soziales, Basisarbeit, sogar Verwaltung und Aufbau einer neuen Gemeinde – sowie die daraus entstandenen Verbindungen bildeten die Voraussetzungen für das Amt an der Spitze, ohne daß eine Gefahr des „Abhebens“ bestanden hätte. Von nicht geringer Bedeutung war gleichzeitig sein Wirken in der Landessynode und ab 1966 in der Gesamtsynode der evangelischen Kirche in Deutschland. Er wurde betraut mit Friedensfragen, den Beziehungen zur katholischen Kirche und zum Bund der evangelischen Kirchen in der DDR, zum Lutherischen Weltbund, zum Ökumenischen Rat der Kirchen und zur evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in Polen.

Bis heute in ganz Deutschland in Erinnerung ist er als Beauftragter der EKD für Spätaussiedler und Heimatvertriebene. Es waren unzählige Hilfsaktionen vonnöten, über die er mit den zuständigen Stellen verhandelte. Der selbst Heimatvertriebene engagierte sich intensiv für die Menschen, die sich religiös fremd in den westlichen Kirchen fühlten und mittlerweile schon 200 eigene rußlanddeutsche Gemeinden gegründet haben, in denen sie wieder Heimat finden, wie sie es seit Generationen gewöhnt waren an der Wolga, in Sibirien, in Kasachstan. Lange hatte die EKD dieses Problem gar nicht wahrgenommen. Hans von Keler lehrte sie energisch, daß sich auch die Kirche um die Eingliederung der Übersiedler aus den Ostländern bemühen müsse. Noch viele Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Bischofsamt 1988 hat er sich seiner späten Schicksalsgenossen angenommen. Auch wenn er sich heute schonen muß, so ist er immer noch unterwegs mit Vorträgen – im Jahr 2000, dem 50. seit der Stuttgarter Erklärung, zum Thema „Die geistliche Dimension der Charta der Heimatvertriebenen“.

Mit seiner Frau Brigitte, einer Stuttgarterin, die ihre vielen Umzüge kaum noch zählen kann, lebt er in Herrenberg. 1982 war er erstmals wieder in Bielitz-Biala, 1997 hat er seiner Familie die Heimat gezeigt. Die drei Kinder sind im Schwabenland verwurzelt. „Heimat ist, wo ich mich nicht erklären muß“, sagt der Alt-Landesbischof, der in seinen 75 Lebensjahren zum Mittler werden durfte zwischen Konfessionen und Generationen, Ländern und Völkern, zwischen Menschen verschiedener Prägung und verschiedener Schicksale, zwischen Heimat und Welt, Himmel und Erde – und eben zwischen Ost und West.

Ursula Schmidt-Goertz (KK)

In ihrem Begleitbrief schreibt die Autorin: „Ich möchte Ihnen sagen, daß ich auf ein Honorar verzichte, nicht nur, weil ich die Situation der ostdeutschen Kulturarbeit kenne, sondern auch ein paar „total verstaubte“ Prinzipien habe, nämlich, daß man von einem gewissen „Level“ an alles umsonst machen sollte.“
Quelle: KK1122 Seite 06 2000-11-20