Buchbesprechung
„Bitterer Abschied von Nesselsdorf“.

Das Buch liegt mir augenblicklich nur in der tschechischen Fassung vor.
Darin ist ist ein Vorwort gerichtet an die tschechischen Leser. Dieses ist auch in deutscher Sprache wiedergegeben:

Unseren deutschen Landsleuten.
Die dem tschechischen Leser bestimmten einleitenden Worte zur tschechischen Fassung des Buches „Bitterer Abschied von Nesselsdorf“ von Waltraud Schneider, Gertrude Schustala und Paul von Strobel-Albeg.

An den tschechischen Leser:
Ich bin sehr froh, das ich die Gelegenheit bekam, einen kleinen Beitrag bei der Herausgabe dieses Buches leisten zu können.
Es sind Erinnerungen von Frau Gertrude Schustala, einer Enkelin des Gründers der berühmten Nesselsdorfer Wagen- und Waggonfabrik, der späteren TATRA-Werke, an ihre Familie, an das Kuhländchen, an die Stadt Nesselsdorf, an ihre Heimat und namentlich an die Zeit der sogenannten Abschiebung.

Kaum vorstellbar ist das Ausmaß des menschlichen Leides, der moralischen Demütigung und materiellen Verelendung unserer Landsleute, die, in Viehwaggons abtransportiert oder in langen Fußmärschen über die Grenze eskortiert, ins Ungewisse getrieben wurden.

Viele haben diese Abschiebung nicht überlebt. Die, die sie überlebten, werden sie nie vergessen.

Schon die Tatsache, zu behaupten, daß alle diese Menschen an den Verbrechen der Faschisten und Nazis mitschuldig waren, ist unvorstellbar. Schuld war die Zeit, in der sie lebten, – und daß ihre Muttersprache Deutsch war.

Wenn dies die Schuld war, dann sind wir alle: Böhmen, Mährer, Schlesier samt unseren Kindern schuldig an den Verbrechen des Kommunismus, für Kerker, Folter und Hinrichtungen, aber auch nur für die Beschlagnahmung von Privateigentum und Schikanierung ganzer Familien unter dem Banner der Arbeiterklasse und der Diktatur des Proletariates.

Der überwältigende Teil von uns beteiligte sich an den „Wahlen“. Bei den Kranzniederlegungen zum siegreichen Februar schwenkten wir unsere Fähnlein vor den Tribünen der Repräsentanten unserer großen Partei, feierten die Jahrestage der großen Oktober-Revolution auch dann, als die „glorreiche russische Armee“ mehr als 20 Jahre unser Land besetzt hatte, was man dem Land noch heute ansehen kann.

Wenn aber wir Böhmen, Mährer und Schlesier nicht schuldig sind, warum waren es denn sie, unsere deutschen Mitbürger?

Es ist die gleiche Schuld, nur mit einem Unterschied, man hat uns für diese Schuld nicht aus der Heimat vertrieben.

Nur das schlechte Gewissen von manchen unter uns oder die Unwissenheit und die Bequemlichkeit der anderen verwehren es, die Wahrheit zu sagen:

Jawohl, die Vertreibung unserer deutschen Landsleute aus unserer gemeinsamen Heimat war und bleibt ein großes Verbrechen, unentschuldbar und nicht wiedergutzumachen.                                                                            

Wenn jemand diese Verbrechen hinter Recht und den sogenannten Beneš-Dekreten verbirgt, dann muß man zugeben, daß diese Rechte und Dekrete verbrecherisch waren und bleiben, so verbrecherisch wie verschiedene Gesetze und Rechte zur Zeit Nazi-Deutschlands waren.

Uns gewöhnlichen und anständigen Menschen, ohne Rücksicht auf Nationalität, Stand, Bildung und Alter, bleibt nur ein einziger Weg, um zu versuchen, den Schmerz und die Verbitterung unserer Landsleute zu mildern.

Es sind schlichte, aber aufrichtige Worte des Bedauerns und der Entschuldigung.

Für meine Person, für meine Familie und auch für viele andere sage ich:

Verzeiht bitte, unsere deutschen, ungarischen, österreichischen aber auch Roma Mitbürger, die ihr von der Vertreibung betroffen wurdet.

Verzeiht bitte. Wir bereuen, was geschah und wir entschuldigen uns für das Unrecht, das euch angetan wurde.

Wir entschuldigen uns bei euch, die ihr noch ab und zu die alte Heimat besuchen kommt, und wünschen euch alles Gute.

Wir entschuldigen uns aber auch bei denen, die nicht mehr unter uns weilen. Viele von ihnen waren sehr alte Menschen, aber auch ganz kleine Kinder.

Vielleicht findet diese Entschuldigung und Reue auch den Weg zu ihnen, den Opfern der Vertreibung.

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Ich möchte auch allen danken, die bei der Herausgabe dieses Buches in der ursprünglichen deutschen, aber auch in der vorliegenden tschechischen Fassung mitgearbeitet haben. Es ist ein kleiner Beitrag zum Kennenlernen der Geschichte unserer gemeinsamen Heimat und zur Verbesserung der menschlichen Beziehungen.

Aber auch euch, geehrten Lesern, will ich danken, die ihr gewillt seid, ohne Furcht der Wahrheit ins Auge zu schauen, um sich bewußt zu werden, daß unsere Geschichte nicht immer so friedliebend und rosig war, wie sie uns vorgelegt wurde.

Leider Gottes gibt es in jedem Volk auch Verbrecher, und unseres ist keine Ausnahme. Es ist aber notwendig, diese Verbrecher zu verfolgen und zu bestrafen und nicht hinter großen Worten Lug und Trug zu verbergen, oder für politische Interessen auszunützen.

ZDENEK MATEICIUC
Odrau, April 2001

44 Seiten A5, broschiert. ISBN 80-903112-3-7

Ein tschechisches Exemplar kann von mir angefordert werden. (5 €uro einschließlich Inlandsporto Deutschland)
Wer die Bezugsquelle und die Verkaufsdaten für die deutsche Ausgabe kennt, teile sie mir bitte mit!

ML 2003-08-10

Zdenek Mateiciuc hat auch das Buch „Altvaterland“ herausgebracht.