Die Schuld der Sieger

Das Böse ist ansteckend:
Auch die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg war schweres Unrecht.

Von Bohumil Dolezal, Politikwissenschaftler an der Karlsuniversität in Prag

Die demokratischen Staaten des Westens haben in den großen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts bewiesen, daß sie fähig sind, einem Aggressor zu widerstehen. Sie tun sich aber schwer damit, Kriegskonflikte endgültig beizulegen. So ist der Zweite Weltkrieg auch fünfzig Jahre nach seinem Ende noch nicht wirklich Vergangenheit geworden. Man kann gelegentlich den Eindruck bekommen, daß der Frieden, den wir erleben, nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist: Die Sieger des Zweiten Weltkrieges triumphieren auch heute noch; zwar nicht mehr auf den Schlachtfeldern, aber in den Konferenzräumen. Und die Besiegten verlieren zwar nicht mehr ihr Leben, wohl aber ihr Geld.

Es ist gut, daß die Zwangsarbeiter entschädigt werden. Aber will man das vielfache Unrecht, das im großen Krieg geschah, ungleich behandeln? Vor einiger Zeit schrieb der slowakische Staatspräsident Schuster in einem Brief an eine sudetendeutsche Kulturinstitution, die Länder, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Deutschen vertrieben hätten, sollten wie im Falle des Holocaust lernen, ihre Schuld zuzugeben, um künftigen Generationen zu zeigen, daß Europa allein auf den Prinzipien der Toleranz, der Verständigung und der Humanität aufgebaut werden könne; eine gelegentliche Entschuldigung für den "tragischen Irrtum" der Vertreibung genüge nicht. Nach einem eilig angesetzten Gespräch mit dem Außenminister erklärte der slowakische Präsident dann freilich, daß er mit seinem Aufruf keineswegs die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz in Frage habe stellen wollen.

Auch der jetzige amerikanische Präsident Bush nannte in seinem Wahlkampf die Vertreibung der Deutschen einen der schlimmsten Fälle kultureller Ausrottung. Das State Department schickte dieser Äußerung ebenfalls eilends die Versicherung hinterher, daß sich die Haltung der Vereinigten Staaten zur Potsdamer Konferenz und zur Vertreibung nicht geändert habe.

Doch die seltsame Schizophrenie der Mächtigen dieser Welt ändert nichts daran: Auch die Vertreibung der Deutschen war ein Unrecht; allerdings ein Unrecht, das als solches nicht allgemein anerkannt wurde. Vor allem wurde es von denen nicht anerkannt, die es ausgedacht, geplant und ausgeführt hatten.

Der Unwille der tschechischen Öffentlichkeit, die harte Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, ist zwar nicht richtig, aber begreiflich. So stellt sich der Mensch zu einer Angelegenheit, die ihm äußerst unangenehm ist, weil er ahnt, daß er Schuld an etwas trägt und daß man von ihm mit Recht eine Satisfaktion verlangen kann. Die Tschechisch-Deutsche Deklaration war ein Minimalkompromiß, der als Ausgangspunkt zur aufrichtigen tschechischen Reflexion der Vertreibung dienen sollte und könnte. Leider war aber die politische Führung der Tschechischen Republik unfähig, auch diesen minimalen Kompromiß richtig aufzunehmen. Sie interpretiert den Text der Erklärung offiziell so, daß dort nicht die Vertreibung als solche verurteilt werde, sondern nur die sogenannten Exzesse, das heißt die im Laufe der Vertreibung begangenen Massenverbrechen. In diesem Punkt unterscheiden sich die offizielle tschechische und die deutsche Interpretation des Dokuments.

Der sozialdemokratische Ministerpräsident Zeman war von Anfang an ein eifriger Befürworter der offiziellen tschechischen Interpretation, die sich dann auch die damals regierende Demokratische Bürgerpartei (ODS) und ihr Außenminister Zieleniec aus Feigheit zu eigen machten. Es ist seltsam, daß Zieleniec und die Politiker, die im Herbst 1997 die ODS verließen, jetzt so heftig den sogenannten Oppositionsvertrag zwischen ODS und den Sozialdemokraten kritisieren; denn sie haben einen ähnlich unsittlichen, allerdings ungeschriebenen Vertrag mit den Sozialdemokraten geschlossen, als die Tschechisch-Deutsche Deklaration im Parlament behandelt wurde. Diese Scheinlösung hatte für die öffentliche Diskussion über die Vertreibung in der tschechischen Gesellschaft tödliche Folgen. Der lebhafte Dialog, der sich zwischen Befürworten und Kritikern der Vertreibung entwickelt hatte und der zu Initiativen wie "Versöhnung 95" führte, verstummte allmählich. Statt dessen unterhält man sich jetzt in sterilen Foren wie dem offiziösen "Deutsch-tschechischen Gesprächsforum", das, den Morast der unbewältigten Vergangenheit im Keller lassend, seinen Blick stolz in die Zukunft richtet. Der halbamtliche deutsch-tschechische Dialog ist nicht vollwertig, weil er darauf beruht, daß die problematische Vergangenheit verschwiegen oder entstellt wird.

Die Regierung Schröder geht von dem an sich richtigen Grundsatz aus, daß die Bewältigung des Problems der Vertreibung der Deutschen vor allem ein innertschechisches Problem ist und daß die Einmischung des deutschen Staats kontraproduktiv wäre. Die tschechischen Nationalisten zogen daraus allerdings den Schluß: Alles darf vergessen werden.

Die Vertreibung der Deutschen wurde auch von denen nicht als Unrecht anerkannt, die dieser grausamen Maßnahme in Potsdam zugestimmt haben und noch heute nicht bereit sind, diese Entscheidung zu überprüfen. Die Rede ist von den westlichen Siegermächten, von den Vereinigten Staaten und Großbritannien.

Man spricht in der Tschechischen Republik oft darüber, daß eine Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges unzulässig sei. Vor allem geschieht das, wenn jemand die Frage der Vertreibung in einer offenen und unvoreingenommenen Weise behandeln will. Selbstverständlich zweifelt niemand daran, daß das nationalsozialistische Regime verbrecherisch und entartet war. Der Krieg gegen Hitler war unvermeidbar und gerecht. Die grausamen Umstände eines in der ganzen Welt tobenden Kriegs führten jedoch dazu, daß auch die, deren Sache gerecht war, hie und da unsaubere Methoden des Feindes übernahmen. Das Böse ist ansteckend. Außerdem führten die Verbrechen der Nationalsozialisten dazu, daß man den Ausgang des Krieges als ein Urteil über die Besiegten aufgefaßt hat. Das Bedürfnis zur Bestrafung der nationalsozialistischen Verbrecher soll nicht in Frage gestellt werden; es soll nur darauf aufmerksam gemacht werden, daß das Wichtigste beim Abschluß eines Kriegs ist, alle nötigen Bedingungen für einen dauerhaften und gerechten Frieden zu schaffen. Die Bestrafung der Schuldigen soll nur im Rahmen dieser Bestrebung den entsprechenden Raum finden.

Die mit Emotionen überladene gesellschaftliche Atmosphäre nach einem großen Krieg ist ungeeignet, eine völlig gerechte Lösung aller durch den Krieg hervorgerufenen Probleme zu finden; eine spätere Revision ist nützlich und notwendig. Ein wesentlicher Teil der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges ist übrigens inzwischen schon revidiert: Seit 1955 ist Österreich frei und einig. Seit Ende der achtziger Jahre sind die mittel- und südosteuropäischen Staaten vom russischen Joch befreit. Seit 1990 ist die Teilung Deutschlands überwunden. Und seit Anfang der neunziger Jahre sind auch die baltischen Staaten wieder frei von russischer Herrschaft. Revision heißt Leben. In einer Zeit, in der man bestrebt ist, das Unrecht des Kriegs zu mildern, muß auch das Unrecht, das die Sieger begangen haben, reflektiert, benannt und geheilt werden. Denn die Menschen unterscheiden sich untereinander nicht darin, daß einige von ihnen sündigen, die anderen jedoch nicht. Sie unterscheiden sich darin, daß einige bereit sind, ihre Sünden zuzugeben. Es gibt keine besondere Gerechtigkeit für die Geschlagenen, sondern nur eine einzige Gerechtigkeit, die sowohl für die Sieger als auch für die Besiegten bindend ist.

Die Zustimmung der westlichen Mächte in Potsdam zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, Polen und Ungarn war schweres Unrecht und ein schwerer Fehler. Statt die Verantwortung allein dem russischen Diktator zu überlassen, haben die Westmächte freiwillig einen Teil der Schuld übernommen. Das ist aber nicht das größte Problem. Das größte Problem ist, daß sie bis heute nicht bereit sind, diese Mitschuld anzuerkennen. Statt dessen halten sie hartnäckig am Unhaltbaren fest. In einer Zeit, in der man sich wieder den Greueltaten und Opfern des Zweiten Weltkriegs zuwendet, ist es unmöglich, die Schuld der Sieger außer acht zu lassen. Das würde unserer Auffassung von Gerechtigkeit widersprechen, unser Denken über die Vergangenheit deformieren und unser Handeln in Gegenwart und Zukunft lähmen. Der Mythos muß der sachlichen und unvoreingenommenen Bewertung weichen, die zu politischen Konsequenzen führt. Nur so kann man einen wirklich "dicken Strich" unter den Zweiten Weltkrieg ziehen.

Die Vertreibung wurde auch von manchen Deutschen, die das Glück hatten, nicht vertrieben worden zu sein, nicht als Unrecht anerkannt. Das müssen die Deutschen untereinander klären. Für mich – einen Tschechen – lautet die grundsätzliche Frage: Was sollen eigentlich die Tschechen tun, damit sie nicht wieder und wieder mit den Tatsachen konfrontiert werden, die sie für eine Behinderung halten? John F. Kennedy hat einmal geschrieben, daß man in den Vereinigten Staaten, in denen einst Bruder gegen Bruder kämpfte, bestimmte menschliche Werte nicht nach der Farbe der Fahne beurteile, unter der man focht. Das Faszinierende an diesen Worten ist die Bereitschaft, von Brüdern zu sprechen, die gegeneinander gekämpft haben – auch wenn es im amerikanischen Bürgerkrieg um eine so prinzipielle Frage wie die Zulässigkeit der Sklaverei ging. Man sollte heute in der Tschechischen Republik, mehr als fünfzig Jahre nach dem Ausgang des grausamsten Krieges der menschlichen Geschichte, etwas ähnliches auch auf die Sudetendeutschen beziehen; freilich nicht auf Konrad Henlein, Karl Hermann Frank oder die Angestellten der Gestapo, sondern auf die Bergleute von Brüx und Komotau, auf die Glasbläser aus dem Riesengebirge, auf die Arbeiter von Aussig und auf die Kleinbauern aus dem Böhmerwald. Es ist demagogisch zu behaupten, daß es ihnen um dasselbe ging wie Adolf Hitler und seinen Schergen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 67, 2001-03-20